Eingruppierung nach ERA: so kommst du in deine Entgeltgruppe
Wie die Eingruppierung in der Metall- und Elektroindustrie funktioniert: Arbeitsaufgabe statt Abschluss, Punkte und Beispiele, Stufen je Tarifgebiet, typische Gruppen für Einsteiger, Reklamation, § 99 BetrVG und der AT-Bereich.
Deine Entgeltgruppe entscheidet über den größten Teil deines Gehalts. Leistungszulage, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, T-ZUG A und Transformationsgeld werden fast alle als Prozentsatz davon gerechnet. Wer eine Gruppe zu niedrig sitzt, verliert also nicht nur im Monat, sondern bei jeder Sonderzahlung mit. Trotzdem wissen viele Beschäftigte nicht, wie ihre Gruppe zustande gekommen ist.
Dieser Ratgeber erklärt die Regeln der Entgeltrahmenabkommen (ERA) in der Metall- und Elektroindustrie. Die ERA-Tarifverträge wurden zwischen 2003 und 2005 abgeschlossen und haben die alte Trennung in Lohngruppen für Arbeiter und Gehaltsgruppen für Angestellte abgeschafft. Seitdem gibt es für alle Beschäftigten eines Tarifgebiets eine gemeinsame Tabelle. Die Grundidee ist überall gleich, die Details unterscheiden sich von Region zu Region deutlich.
Bewertet wird die Arbeitsaufgabe, nicht die Person
Der wichtigste Satz vorweg: Eingruppiert wird nach dem, was du tatsächlich tun sollst, nicht nach deinem Abschluss und nicht nach der Stellenbezeichnung. Der ERA-Tarifvertrag Bayern sagt es so: Die Eingruppierung erfolgt "aufgrund der Anforderungen der gesamten übertragenen Arbeitsaufgabe". Der ERA Küste formuliert, Berufs-, Positions- und Funktionsbezeichnungen begründen keinen Anspruch auf eine bestimmte Entgeltgruppe.
Das wirkt in beide Richtungen. Wer einen Studienabschluss hat, aber eine Aufgabe auf Facharbeiterniveau erledigt, bekommt nicht automatisch eine Ingenieursgruppe. Umgekehrt kann jemand ohne Meisterbrief in die Meistergruppe gehören, wenn die Aufgabe genau das verlangt. In fast allen ERA-Texten steht deshalb bei jeder Gruppe der Zusatz, dass die Kenntnisse "auch auf andere Weise erworben" sein können.
Die IG Metall weist in ihrem Flyer zu Einstiegsgehältern ausdrücklich darauf hin, dass auch die Angabe im Arbeitsvertrag nicht entscheidet. Maßgeblich ist die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit. Daraus folgt ein Anspruch auf das Entgelt der passenden Gruppe, selbst wenn im Vertrag etwas anderes steht. Den Rechtsanspruch auf Tarifleistungen haben allerdings nur Gewerkschaftsmitglieder, sofern der Arbeitsvertrag nicht auf den Tarifvertrag verweist.
Gemischte Aufgaben
Für gemischte Aufgaben gilt eine Gesamtbetrachtung. In Bayern zählen die Anforderungen, die "das Niveau der gesamten Arbeitsaufgabe prägen". Weder der zeitliche Anteil einzelner Tätigkeiten noch die anspruchsvollste Einzelaufgabe allein entscheidet. Der ERA Küste sagt fast wörtlich dasselbe: Es kommt nicht auf die Prozente der einzelnen Arbeitsanteile an.
Wie die Aufgabe bewertet wird
Hier gehen die Tarifgebiete getrennte Wege. Grob gibt es zwei Verfahren: summarische Beschreibungen, bei denen die Aufgabe als Ganzes mit den Gruppendefinitionen verglichen wird, und analytische Punktverfahren, bei denen einzelne Merkmale bewertet und Punkte addiert werden. Eine Untersuchung des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen in den WSI-Mitteilungen beschreibt, dass Niedersachsen bei der summarischen Bewertung geblieben ist, während Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen neue Verfahren eingeführt haben.
Baden-Württemberg: Stufenwertzahlverfahren
Der ERA-TV Baden-Württemberg bewertet jede Arbeitsaufgabe nach fünf Merkmalen: Wissen und Können (aufgeteilt in Anlernen sowie Ausbildung und Erfahrung), Denken, Handlungsspielraum und Verantwortung, Kommunikation und Mitarbeiterführung. Jede Stufe eines Merkmals hat einen festen Punktwert. Die Summe ordnet die Aufgabe einer von 17 Entgeltgruppen zu.
| Entgeltgruppe | Punkte | Entgeltgruppe | Punkte |
|---|---|---|---|
| EG 1 | 6 | EG 10 | 35-38 |
| EG 2 | 7-8 | EG 11 | 39-42 |
| EG 3 | 9-11 | EG 12 | 43-46 |
| EG 4 | 12-14 | EG 13 | 47-50 |
| EG 5 | 15-18 | EG 14 | 51-54 |
| EG 6 | 19-22 | EG 15 | 55-58 |
| EG 7 | 23-26 | EG 16 | 59-63 |
| EG 8 | 27-30 | EG 17 | 64-96 |
| EG 9 | 31-34 |
Wie stark die Ausbildung wiegt, zeigt das Teilmerkmal Ausbildung: Eine drei- bis dreieinhalbjährige Berufsausbildung bringt 13 Punkte, ein Fachhochschulstudium 24, ein Universitätsstudium 29. Ein frei erfundenes Rechenbeispiel: Eine Aufgabe verlangt eine dreijährige Ausbildung (13 Punkte), bis zu ein Jahr Erfahrung (1), das Auswählen passender Lösungswege aus bekannten Mustern (Denken D 3, 5 Punkte), Handlungsspielraum bei einzelnen Teilaufgaben (H 3, 5) und Abstimmung in routinemäßigen Einzelfragen (K 2, 3). Ohne Mitarbeiterführung ergibt das 27 Punkte und damit EG 8. Seit April 2026 sind das in Baden-Württemberg 3.962,50 Euro Grundentgelt im Monat.
Daneben gibt es einen Katalog tariflicher Niveaubeispiele, die verbindlich bewertet sind. Eine Aufgabe kann auch durch Vergleich mit einem solchen Beispiel eingestuft werden. Wer abweicht, muss das schriftlich begründen. Belastungen stecken nicht in den Punkten, sie werden außerhalb des Verfahrens über eine eigene Belastungszulage bezahlt.
Nordrhein-Westfalen: Punktbewertung mit vier Merkmalen
Das Entgeltrahmenabkommen NRW vom 18. Dezember 2003 arbeitet ebenfalls mit Punkten, aber mit vier Merkmalen: Können, Handlungs- und Entscheidungsspielraum, Kooperation und Mitarbeiterführung. Wie genau das wirkt, zeigt ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 2011 (4 AZR 549/09): Ein Beschäftigter kam auf 110 Punkte und landete in EG 11, für EG 12 hätte er mindestens 113 Punkte gebraucht. Drei Punkte entscheiden dort über den Abstand zwischen EG 11 und EG 12, seit April 2026 mindestens 134 Euro im Monat.
Bayern, Küste, Berlin-Brandenburg, Niedersachsen: Beschreibungen
In Bayern beschreibt der ERA-TV jede Gruppe mit zwei Kriterien, fachlicher Qualifikation und Handlungsspielraum. EG 5 verlangt zum Beispiel Kenntnisse, wie sie in der Regel durch eine mindestens dreijährige Berufsausbildung erworben werden, und Entscheidungen bei der Arbeitsausführung. Tarifliche Orientierungsbeispiele helfen bei der Zuordnung. Du oder der Betriebsrat könnt verlangen, dass vorher eine schriftliche Beschreibung deiner Arbeitsaufgabe vorliegt.
Ähnlich arbeiten der ERA Küste und der Entgeltrahmentarifvertrag Berlin-Brandenburg: Jede Gruppe hat eine Tätigkeitsbeschreibung und eine Regelqualifikation. In Berlin-Brandenburg reicht das von EG 1 mit einer Unterweisungszeit von in der Regel drei Tagen bis EG 13. Niedersachsen hat ebenfalls summarische Gruppendefinitionen, aber anders als die meisten Regionen keinen tariflichen Katalog von Niveaubeispielen.
Stufen innerhalb der Gruppe
Fast überall gibt es innerhalb einer Entgeltgruppe noch Stufen. Manche hängen an der Zeit, die du schon in der Gruppe arbeitest, andere an zusätzlichen Anforderungen. Die Beträge stehen in den Entgelttabellen der einzelnen Tarifgebiete.
| Tarifgebiet | Gruppen | Stufen und Wechsel |
|---|---|---|
| Bayern | EG 1-12 | Stufe A bei Ein- oder Umgruppierung, Stufe B nach 6 Monaten (EG 2-4), 12 Monaten (EG 5-8) oder 18 Monaten (EG 9-12). EG 4 hat zusätzlich Stufe C, die von der Aufgabe abhängt, nicht von der Zeit. |
| Baden-Württemberg | EG 1-17 | Ein Betrag je Gruppe. Per Betriebsvereinbarung können für EG 7-17 eine Eingangsstufe (erstes Jahr) und eine Zusatzstufe (betriebliche Spezialkenntnisse) eingeführt werden, jeweils ein Drittel des Abstands zur Nachbargruppe. |
| Nordrhein-Westfalen | EG 1-14 | EG 1-11 ein Betrag. EG 12 steigt nach 36 Monaten, EG 13 nach 18 und 36 Monaten, EG 14 nach 12, 24 und 36 Monaten in der Gruppe. |
| Niedersachsen | EG 2-13 | Nach Erläuterungen der IG Metall: Stufe A bis zur selbständigen Ausführung, Stufe B bei selbständiger Ausführung, Stufe C, wenn die Aufgabe über der Gruppe liegt, aber nicht für die nächste reicht. |
| Osnabrück-Emsland | EG 1-12 | Eigene Tabelle mit Eingangs-, Haupt- und bis zu drei Zusatzstufen. |
| Küste | EG 2-11 | Grundstufe bei Einstellung, Hauptstufe nach einem halben Jahr (EG 2-4), einem Jahr (EG 5-8) oder zwei Jahren (EG 9-11). Bis zu drei Zusatzstufen für Flexibilität, Verantwortung und Kooperation. |
| Mitte (Hessen, Pfalz, Rheinland-Rheinhessen, Saarland) | EG 1-11 | Ein Grundentgelt je Gruppe, seit April 2025 zusätzlich eine Zusatzstufe für EG 4-11. |
| Sachsen, Thüringen | EG 1-12 | Grundentgelt und Zusatzstufe in jeder Gruppe. |
| Sachsen-Anhalt | EG 1-11 | Grundstufe und Zusatzstufe in jeder Gruppe, eigene Tabelle. |
| Berlin-Brandenburg | EG 1-13 | Eingangsstufe bis zur selbständigen Ausführung (EG 3-5 in der Regel bis 6 Monate, EG 6-13 bis 12 Monate), dann Hauptstufe. 1. und 2. Zusatzstufe für Arbeit über dem Niveau der Hauptstufe. |
Was die Stufen wert sind
Die Abstände sind nicht klein. In Bayern liegt EG 9 A seit April 2026 bei 4.757 Euro, EG 9 B bei 4.991 Euro. Das sind 234 Euro im Monat, die nach 18 Monaten automatisch kommen. Achte darauf, dass der Wechsel auf deiner Abrechnung tatsächlich passiert. Entschuldigte Fehlzeiten zählen dort bis zu sechs Monate mit.
In NRW sind die Zeitstufen der oberen Gruppen besonders groß. EG 13 steigt von 5.054 Euro in den ersten 18 Monaten auf 5.945,50 Euro nach 36 Monaten.
In den Tarifgebieten der Region Mitte liegt die Zusatzstufe rechnerisch um ein Drittel des Abstands zur nächsten Gruppe über dem Grundentgelt. In Hessen ist EG 5 mit 3.288 Euro angesetzt, EG 6 mit 3.617 Euro, die Zusatzstufe von EG 5 mit 3.397,67 Euro. Wann sie vergeben wird, frag im Betrieb nach. Wir haben die Kriterien nicht im Tariftext prüfen können.
Welche Gruppe ist typisch?
Eine feste Zuordnung von Berufen zu Gruppen gibt es nicht. Die Tariftexte nennen aber Regelqualifikationen, und die IG Metall rechnet mit Beispielgruppen. Beides gibt dir einen Anhaltspunkt.
Nach der Ausbildung
Für Facharbeit nach einer dreijährigen Ausbildung nennen die Tariftexte diese Gruppen als Regel: In Bayern ist es EG 5, wo der ERA-TV Kenntnisse aus einer mindestens dreijährigen Berufsausbildung verlangt. An der Küste ist es ebenfalls EG 5, die dort ausdrücklich als Eckentgelt bezeichnet wird. Das Tarifregister NRW führt EG 7 als Einstieg nach der Ausbildung. In Baden-Württemberg gibt die Ausbildung 13 Punkte, die Gruppe ergibt sich erst mit den übrigen Merkmalen.
An der Küste beginnen Neueingestellte und übernommene Azubis in der Grundstufe und rücken nach der Ausübungszeit in die Hauptstufe. Bei einer späteren Umgruppierung gilt diese Zeit als erfüllt. In Berlin-Brandenburg gilt die Eingangsstufe, bis du die Arbeit selbständig ausführst.
Nach dem Studium
Der ERA-TV Bayern stellt in EG 9 ein Studium mit bis zu vierjähriger Regelstudienzeit gleich. Ein Studium mit mehr als vier Jahren Regelstudienzeit ist ab EG 10 genannt. Ein Bachelor mit sechs bis acht Semestern fällt unter die erste Formulierung, ein konsekutiver Master in der Regel unter die zweite. An der Küste verlangen EG 9 und EG 10 eine Hochschulausbildung, ausdrücklich auch von einer Fachhochschule.
Die IG Metall hat 2024 in ihrem Flyer "Einstiegsgehälter" für Hochschulabsolventen diese Beispielgruppen gerechnet:
| Tarifgebiet | Beispielgruppen für Absolventen |
|---|---|
| Bayern | EG 9 und EG 10 |
| Baden-Württemberg | EG 12 und EG 13 |
| Nordrhein-Westfalen | EG 13 und EG 14 |
| Niedersachsen | EG 11 B und EG 12 B |
| Küste (beide Tabellen) | EG 9 und EG 10 |
| Hessen, Rheinland-Rheinhessen, Saarland, Pfalz | EG 9 und EG 10 |
| Thüringen | EG 9 und EG 10 |
| Berlin-Brandenburg, Sachsen | EG 10 |
Die Nummern der Gruppen sagen zwischen den Regionen wenig. Für Absolventen rechnet die IG Metall in NRW mit EG 13, in Bayern mit EG 9 oder 10, weil die Tabellen unterschiedlich viele Gruppen haben. Vergleiche deshalb immer Euro-Beträge, nicht Gruppennummern. Mit dem Rechner siehst du für jede Gruppe Brutto, Netto und Sonderzahlungen.
Wer entscheidet über die Eingruppierung?
Der Arbeitgeber legt die Arbeitsaufgabe fest und schlägt die Gruppe vor. Er entscheidet aber nicht allein. In Betrieben mit Betriebsrat hat dieser ein Mitspracherecht, das je nach Tarifgebiet unterschiedlich geregelt ist.
§ 99 BetrVG
Nach § 99 des Betriebsverfassungsgesetzes muss der Arbeitgeber in Unternehmen mit in der Regel mehr als zwanzig wahlberechtigten Arbeitnehmern den Betriebsrat vor jeder Eingruppierung und Umgruppierung unterrichten und seine Zustimmung einholen. Der Betriebsrat kann die Zustimmung innerhalb einer Woche schriftlich und mit Gründen verweigern, etwa weil die Eingruppierung gegen den Tarifvertrag verstößt. Schweigt er, gilt die Zustimmung als erteilt. Bei einer Verweigerung muss der Arbeitgeber beim Arbeitsgericht beantragen, die Zustimmung zu ersetzen.
Der ERA Küste schreibt diese Zustimmung ausdrücklich vor. Für kleinere Unternehmen mit weniger als 21 wahlberechtigten Beschäftigten muss der Betriebsrat dort unverzüglich benachrichtigt werden und kann innerhalb einer Woche Einspruch einlegen. In Bayern verweist der ERA-TV auf die §§ 99 ff. BetrVG und verlangt, dass der Arbeitgeber dir deine Entgeltgruppe schriftlich mitteilt.
Die Sonderrolle Baden-Württembergs
In Baden-Württemberg wird nicht die Person eingruppiert, sondern die Arbeitsaufgabe eingestuft. Dafür gibt es in größeren Betrieben eine paritätische Kommission mit je drei Vertretern von Arbeitgeber und Beschäftigten, mindestens einer davon aus dem Betriebsrat. Die Tarifparteien gehen laut einer Protokollnotiz davon aus, dass deshalb kein Verfahren nach § 99 BetrVG zur Eingruppierung mehr stattfindet. In Betrieben mit bis zu 500 Beschäftigten (konzernabhängig bis 300) gibt es ein vereinfachtes Verfahren, bei dem zunächst die Einstufung des Arbeitgebers gilt.
Wenn du glaubst, du bist falsch eingruppiert
Ein Verdacht entsteht oft beim Vergleich mit Kollegen oder wenn neue Aufgaben dazukommen, ohne dass sich die Gruppe ändert. So gehst du vor:
- Lass dir die Gruppe schriftlich geben. In Bayern und Baden-Württemberg muss der Arbeitgeber sie ohnehin schriftlich mitteilen. Bitte zusätzlich um die Aufgabenbeschreibung, auf der die Einstufung beruht.
- Vergleiche Aufgabe und Gruppendefinition. Lies die Beschreibung deiner Gruppe und der nächsthöheren im Tariftext. Notiere konkret, welche Tätigkeiten du regelmäßig erledigst und welche Entscheidungen du selbst triffst. Allgemeine Hinweise auf viel Arbeit helfen nicht weiter.
- Sprich mit dem Betriebsrat. Er kennt die betrieblichen Einstufungen und kann die Prüfung anstoßen. In vielen Tarifgebieten ist er der Weg in das formale Verfahren.
- Reklamiere schriftlich. Wie das genau läuft, hängt vom Tarifgebiet ab, siehe unten.
- Achte auf Fristen. Viele Manteltarifverträge enthalten Ausschlussfristen, nach denen Ansprüche verfallen, wenn sie nicht rechtzeitig geltend gemacht werden. Prüf die Frist in deinem Manteltarifvertrag, bevor du Nachzahlungen forderst.
Reklamation je Tarifgebiet
In Baden-Württemberg können du oder der Betriebsrat die mitgeteilte Entgeltgruppe schriftlich reklamieren und begründen. Der Arbeitgeber soll innerhalb von zwei Monaten prüfen. Gibt es keine Einigung, geht der Fall in die paritätische Kommission und, wenn diese sich nicht einigt, in eine erweiterte Kommission mit Vertretern von IG Metall und Südwestmetall. Führt die Prüfung zu einer höheren Gruppe, gilt sie rückwirkend ab der Reklamation. Vor Gericht kannst du danach nur noch Verfahrensfehler oder eine grobe Verkennung der tariflichen Grundsätze geltend machen.
An der Küste legst du Einspruch beim Arbeitgeber ein. Hilft er nicht ab, muss er die Ablehnung anhand einer Anforderungsbeschreibung schriftlich begründen. Danach behandeln Arbeitgeber und Betriebsrat den Fall gemeinsam. Klappt auch das nicht, steht dir der Weg zum Arbeitsgericht offen.
In Bayern können Arbeitgeber und Betriebsrat per freiwilliger Betriebsvereinbarung ein Reklamationsverfahren vereinbaren. Dann beantragt der Betriebsrat eine Prüfung, wenn sich die Aufgabe maßgeblich geändert hat. Das Ergebnis muss innerhalb von zwei Wochen vorliegen, eine paritätische Kommission entscheidet bei Streit innerhalb von vier Wochen. Wichtig: Wegen einer strittigen Eingruppierung darfst du die Arbeit nicht verweigern.
Vorübergehend höherwertige Arbeit
Wer nur vertretungsweise eine höher bewertete Aufgabe übernimmt, bekommt nicht sofort mehr Geld. Die Grenzen sind kurz. An der Küste gibt es ab der sechsten Woche einen Ausgleichsbetrag, in Berlin-Brandenburg ab der siebten Woche. In Baden-Württemberg besteht ein Anspruch auf die Differenz zur höheren Gruppe von Anfang an, wenn die Tätigkeit länger als sechs Wochen ohne Unterbrechung dauert. Wer die Aufgabe auf Dauer übernimmt, muss entsprechend höher eingruppiert werden.
Der AT-Bereich
Oberhalb der höchsten Entgeltgruppe beginnt der außertarifliche Bereich. AT-Angestellte fallen aus dem persönlichen Geltungsbereich des Tarifvertrags heraus, ihr Gehalt regelt der Arbeitsvertrag. Wer AT ist, definiert jeder Tarifvertrag selbst. In der Regel müssen drei Dinge zusammenkommen: eine Aufgabe über den Anforderungen der höchsten Gruppe, eine schriftliche AT-Vereinbarung und ein Gehalt über dem höchsten Tarifentgelt.
| Tarifgebiet | Abstand zur höchsten Gruppe |
|---|---|
| Berlin-Brandenburg | Jahreseinkommen durch 12 mindestens 20 % über dem Grundentgelt der höchsten Gruppe |
| Sachsen-Anhalt (Qualifizierungs-TV 2006) | Jahreseinkommen durch 12 mehr als 15 % über dem höchsten Monatsgrundentgelt |
| Küste | fester, tarifdynamischer Mindestbetrag je Tarifgebiet |
| Nordrhein-Westfalen | kein fester Prozentsatz, laut BAG reicht eine geringe Überschreitung |
Zum NRW-Fall hat das Bundesarbeitsgericht am 23. Oktober 2024 entschieden (5 AZR 82/24): Wenn die Tarifparteien keinen bestimmten Abstand festlegen, reicht schon eine geringfügige Überschreitung der höchsten Tarifgruppe. Bei den Abständen in Berlin-Brandenburg und Sachsen-Anhalt werden Leistungen, die auch Tarifbeschäftigte bekommen, aus dem Jahreseinkommen herausgerechnet.
Ein AT-Vertrag ist nicht automatisch besser. Du verlierst die Tariferhöhungen, die tariflichen Sonderzahlungen und die tarifliche Wochenarbeitszeit. Rechne nach, was die höchste Tarifgruppe mit Leistungszulage, T-ZUG, Urlaubs- und Weihnachtsgeld im Jahr bringt, bevor du unterschreibst. Fällt eine der Bedingungen weg, etwa weil das Gehalt hinter den Tarif zurückfällt, gilt an der Küste wieder der Tarifvertrag.
Die wichtigsten Begriffe aus diesem Text erklärt das Glossar.
Quellen
- IG Metall Baden-Württemberg: Entgeltrahmen-Tarifvertrag Baden-Württemberg (Abschluss 11.11.2021)
- ERA-TV für die bayerische Metall- und Elektroindustrie (Fassung 2005, Kopie)
- IG Metall Küste: Entgeltrahmentarifvertrag Küste, Stand 17.12.2018
- Land Berlin: Tarifbroschüre Metall- und Elektroindustrie ab 04/2026
- IG Metall: Flyer Einstiegsgehälter 2024
- IG Metall: ERA-Monatsentgelte ab 1. April 2026
- Tarifregister NRW: Metall- und Elektroindustrie
- BAG, Urteil vom 18.05.2011, 4 AZR 549/09 (ERA NRW, Punktbewertung)
- BAG, Pressemitteilung 27/24 zu 5 AZR 82/24 (AT-Abstand)
- Qualifizierungstarifvertrag Sachsen-Anhalt 2006 (Geltungsbereich)
- § 99 BetrVG: Mitbestimmung bei personellen Einzelmaßnahmen
- Kuhlmann/Sperling: Der Niedersachsen-Weg, WSI-Mitteilungen 3/2009